Ersteinspielung – 2022 Williams Violin Concerto No. 2 & Selected Film Themes

Treffen der Stars

Treffen der Stars

Das Zweite Violinkonzert von John Williams ist das Ergebnis der langjährigen Freundschaft und Zusammenarbeit von zwei der berühmtesten Künstlern der Welt. Williams schrieb dieses Konzert auf Wunsch von Anne-Sophie Mutter, und damit fügt es sich ein in die lange Reihe stilistisch unterschiedlicher Werke, die ihr von Komponisten wie Witold Lutoslawski, Wolfgang Rihm, Krzysztof Penderecki, Henri Dutilleux und Sebastian Currier auf den Leib geschrieben oder gewidmet wurden. Die vorliegende Aufnahme von Williams’ Konzert entstand kurz nach der Uraufführung mit denselben Interpreten am 24. Juli 2021 in Tanglewood.

Dass Williams eine besondere Beziehung zur Geige hat, war Mutter schon lange klar, nicht zuletzt aufgrund von Konzertwerken wie dem Ersten Violinkonzert und TreeSong oder den herrlichen »Three Pieces from Schindler’s List« mit Auszügen aus seiner Oscar-prämierten Filmmusik. Vor diesem Hintergrund bat die Geigerin Williams, ein neues Stück für sie zu schreiben. Daraufhin entstand zunächst das lyrische und eindringliche Markings für Solovioline, Streicher und Harfe, das Mutter im Juli 2017 in Tanglewood uraufführte, begleitet vom Boston Symphony Orchestra unter seinem Musikdirektor Andris Nelsons. Seit-dem hat sich die musikalische Zusammenarbeit von Mutter und Williams weiter intensiviert: Im Som-mer 2019 erschien bei Deutsche Grammophon ihr Album Across the Stars mit Filmmusikarrangements, und ein gemeinsamer Auftritt mit den Wiener Philharmonikern im Januar 2020 wurde von DG wenig später unter dem Titel John Williams in Vienna als Video, CD und digital veröffentlicht.

Dass das Zweite Violinkonzert seine Premiere mit dem Boston Symphony Orchestra und beim Tanglewood Festival hatte, ist kein Zufall. Williams unterhält gute Beziehungen zu vielen Orchestern, doch bei BSO und Boston Pops steht er am häufigsten am Pult. (Das Boston Pops Orchestra besteht zu großen Teilen aus denselben Musikern wie das BSO, die unter diesem Namen in den Spielplanpausen des BSO Konzerte mit leichter und populärer Orchestermusik geben.) 1980 übernahm Williams als Nachfolger des legendären Arthur Fiedler die Leitung des Boston Pops Orchestra, die er bis 1993 innehatte, und bis heute ist er Ehrendirigent des Orchesters. Seit Langem ist er auch eine feste Größe bei den Sommerkonzerten des Boston Symphony Orchestra in Tanglewood im Westen von Massachusetts, wo er jedes Jahr eine »John Williams Film Night« dirigiert mit Klassikern der Filmmusik aus der Glanzzeit von Hollywood und vielen seiner eigenen berühmten Melodien.

Weil man die Filmmusik der Hollywood-Ikone John Williams in der ganzen Welt kennt und liebt, wird leicht übersehen, dass er auch eine beachtliche Zahl von Solokonzerten geschrieben hat, oft für befreundete Musiker des Boston Symphony Orchestra, darunter Chester Schmitz, ehemaliger Tubist des BSO; Keisuke Wakao, stellvertrender Solo- Oboist beim BSO sowie Boston Pops Solo-Oboist; oder Cathy Basrak, stellvertretende Solo-Bratscherin beim BSO und Solo-Bratscherin im Boston Pops Orchestra. Sein Harfenkonzert On Willows and Birches war ein Geschenk für die ehemalige Solo-Harfenistin des BSO Ann Hobson Pilot, und auch Tributes! (for Sei- ji) schrieb Williams für das BSO, zu Ehren von Seiji Ozawa, lange Jahre Musikdirektor des Orchesters. Wil- liams’ Cellokonzert für Yo-Yo Ma entstand im Auftrag des BSO zur Eröffnung der Seiji Ozawa Hall in Tanglewood im Juli 1994.

Eines der ersten Konzerte von Williams, das er lange vor seiner Zusammenarbeit mit dem Boston Pops Orchestra schrieb, war sein Erstes Violinkonzert, das den Tod seiner ersten Frau, der Schauspielerin Barbara Ruick verarbeitete. Komponiert von 1974 bis 1976 und Ende der 1990er Jahre leicht überarbeitet, erlebte das Konzert seine Uraufführung in der Erstfassung 1981 in St. Louis. Seinen wichtigsten Fürsprecher fand es in Gil Shaham, der es mit dem Boston Symphony Orchestra unter Leitung des Komponisten für DG einspielte. In den folgenden Jahrzehnten seiner erfolgreichen Laufbahn fand Williams zu einer neuen emotionalen Tiefe, wovon das lyrische und sehr persönliche Konzert zeugt, das er 2021 für Anne- Sophie Mutter geschrieben hat. Mit seiner symphonischen Anlage in vier Sätzen (deren dritter »Dactyls« als Scherzo fungiert) erinnert es an Brahms’ ebenfalls viersätziges Zweites Klavierkonzert, und obwohl beide Werke sich nicht der Norm der dreisätzigen Konzertform fügen, bleiben sie doch der traditionellen Beziehung zwischen Solist und Orchester treu.

Das Konzert verarbeitet diverse Musikstile, und jeder Satz präsentiert neue Stimmungen, Kontraste und Nebenfiguren. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Harfe, ähnlich wie in Markings, Williams’ erstem Stück für Mutter. (Einen ganz anderen Partner findet die Solostimme in der Kadenz des dritten Satzes – stellen die Pauken hier vielleicht eine versteckte Anspielung auf Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 dar?) Insgesamt besticht der Orchestersatz durch eine große Farbpalette und enorme Klangfülle, vor allem in den kraftvollen Überleitungen zwischen den Soloepisoden. In den weitgespannten Bögen der musikalischen Erzählung und diversen Details des Soloparts spiegelt sich die Aus- druckskraft von Mutters Spiel eben – so wie ihre virtuose Brillanz und die lyrische Wärme ihres Geigentons. Die emotionale Reise dieses Konzerts erzählt von Verstörung und Verwunderung, Sehnsucht und Selbstbehauptung, alles getaucht in die glühenden Farben von Williams’ Liebe zur Welt der musikalischen Traditionen und stets geprägt von seiner eigenen unverwechselbaren Handschrift.

Robert Kirzinger (Übersetzung: Verena Sierig)

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