50 JAHRE
ON STAGE
Ersteinspielungen zum Bühnenjubiläum
Einladung an die Zukunft
Ein ungewöhnliches Aufnahmeprojekt anlässlich ihres 50-jährigen Bühnenjubiläums: Anne-Sophie Mutter spielt mit befreundeten Musikerinnen und Musikern Werke ein, die für sie komponiert wurden. Zwei Alben sind bereits erschienen, weitere in Vorbereitung. Warum die Geigerin ihr Jubiläum ausgerechnet mit neuer Musik feiert? Weil Musik eine Einladung an die Zukunft ist.
Von Bernhard Neuhoff
„Der Komponist hat immer recht“, sagt Anne-Sophie Mutter nach einem langen Tag im Studio. Und fügt hinzu: „Aber die Partitur klingt nicht von sich aus.“ Es ist ein heißes Wochenende im Juni 2025, draußen glüht die Sonne. Hier, im Studio 1 des Bayerischen Rundfunks, ist es so kühl, dass das Aufnahmeteam irgendwann zum Pulli greift – außer den Musikerinnen und Musikern, denen vom Spielen warm wird.
Hinter einer schrägen Glaswand, die wie eine Kanzel über dem Studio thront, sitzen Toningenieur und Tonmeister. Immer wieder hat Anne-Sophie Mutter im Lauf des Tages das Instrument zur Seite gelegt, ist die schmale Wendeltreppe hochgestiegen und hat sich das eben Gespielte angehört. Neben dem Tonmeister sitzt derjenige, der sich die Musik ausgedacht hat: Sebastian Currier. Die Reise aus New York ist ihm dieses Projekt allemal wert.
Als Komponist, sagt Currier, sei er jedes Mal unfassbar neugierig, wie sein Werk klingen wird. Die Midi-Sounds eines Notenschreibprogramms, das Probieren am Klavier, selbst die Imagination im inneren Ohr – all das ist nicht sein Werk. Lebendig wird es erst durch die Fantasie anderer Musiker. Auch wenn der Komponist immer recht hat: Jede Partitur bleibt ein offener Raum, eine Einladung.
Dieser Raum ist nicht luftleer. Das Verhältnis zwischen Komponist und Interpret ist geladen wie ein elektrisches Feld. „Die aria von der konstanze habe ich ein wenig der geläufigen gurgel der Mad:selle Cavallieri aufgeopfert,“ schreibt Mozart während der Entstehung seiner „Entführung aus dem Serail“ an seinen Vater. So sehr hatte ihn die Virtuosität der Sängerin verführt, dass er sich bei der Gestaltung der Gesangsstimme zu mehr Koloraturen hinreißen ließ, als er beabsichtigt hatte: Wie ein Schwungrad setzt überragendes Können einer Interpretin die Inspiration in Gang.
Umgekehrt führen Komponisten die Interpreten oft an Grenzen. Etwa Arnold Schönberg, der sarkastisch über sein Violinkonzert sagte: „Ich will, daß dieses Konzert schwierig ist und der kleine Finger länger wird. Ich kann warten.“ Anne- Sophie Mutter bekennt ganz offen, dass sie mit diesem Werk ihr Leben lang „gestruggelt“ habe: „Ich bin in meiner musikalischen Ausbildung nur so bis 1920 vorgedrungen. Und selbst die Konzerte von Alban Berg und Igor Strawinsky habe ich in meiner Zeit als Studentin nicht studiert. Diesen Stücken habe ich mich erst später, mit Anfang 20, genähert. Dann entdeckte ich auch meine Liebe zur zeitgenössischen Musik. Für mich ist es jedes Mal ein Sprung in Wasser, das kaum über null Grad hat. Ein big struggle. Aber wie alles im Leben, das für einen schwierig ist, ist es umso schöner, wenn man dann auf dem Achttausender ankommt. Ich kann es nur empfehlen.“
Dabei kommt einem ein berühmter Satz von Beethoven in den Sinn. Als sich der Quartettgeiger Ignaz Schuppanzigh über einen schwierigen Lauf beschwerte, soll ihm der Komponist geantwortet haben: „Glaubt er, daß ich an seine elende Geige denke, wenn der Geist zu mir spricht?“ In Jörg Widmanns 6. Streichquartett, einer „Studie über Beethoven“, die ebenfalls Teil des Aufnahmeprojekts ist, kann man den einen oder anderen ironischen Kommentar zu Schuppanzighs Verzweiflung heraushören. Der jedoch ließ sich in seinem Einsatz für die Avantgarde des Jahres 1806 nicht beirren: Schuppanzigh, so berichtet der Kritiker Eduard Hanslick, habe „allmählig sein intimes Verhältnis zu Beethoven und dessen Quartetten als ein förmliches Privilegium, diesen Meister zu verstehen und wiederzugeben“, aufgefasst – und dies „gegen andere geltend“ gemacht. Nähe zum Genie als Exklusivanspruch auf die authentische Interpretation?
Für Anne-Sophie Mutter geht es exakt ums Gegenteil: „Jede Aufnahme, mag sie noch so lebendig und mitreißend sein, ist nur ein Versuch, sich dem Werk anzunähern.“ Ihre Einspielungen sieht sie gerade nicht als vermeintlich verbindliche Vorgabe, sondern als Einladung an andere Künstlerinnen und Künstler, eigene Wege zu finden: „Als Versuch ist es sehr wichtig, weil ohne den Versuch der Appetit nicht geweckt wird. Denn was nicht als Aufnahme existiert, existiert auch nicht in den Köpfen der Studenten und des Publikums.“ Dieses Aufnahmeprojekt ist ein Anfang, kein Ende.
Wie kann ein Interpret in die Zukunft wirken? Aufnahmen sind immer nur eine Zwischenbilanz. Lebendiger bleiben die Impulse eines Musikers in seinen Schülern. Nicht nur Geigerinnen und Geiger haben von der Förderung durch Anne-Sophie Mutters Stiftung profitiert. Dieses Aufnahmeprojekt demonstriert es: An den Einspielungen sind zahlreiche aktuelle und ehemalige Stipendiatinnen und Stipendiaten ihrer Stiftung beteiligt.
Aber es gibt noch ein wichtigeres Geschenk an die Zukunft, das ein Interpret machen kann: Uraufführungen. Werke ins Leben rufen, die bleiben. Vermutlich hätte Johannes Brahms auch ohne seine Freundschaft mit dem Geiger Joseph Joachim ein Violinkonzert geschrieben. Doch ganz sicher hätte er es anders geschrieben. Kein Werk entsteht im luftleeren Raum. Als Wolfgang Rihm erstmals vorgeschlagen wurde, für Anne-Sophie Mutter zu schreiben, erinnerte er sich „blitzartig an ungemein energetisch und belebt geführte hohe Töne, die ich von dieser Künstlerin schon vernommen hatte.“ Dies wurde zur Grundidee seines Violinkonzerts „Gesungene Zeit“ (1992). Schon der Name der Geigerin inspirierte seine Klangphantasie. Vermutlich hätte Rihm auch ohne den Auftrag, für Anne-Sophie Mutter zu komponieren, ein Violinkonzert geschrieben. Doch ganz sicher hätte er es anders geschrieben.
Natürlich hat sie es längst eingespielt, ebenso wie zahlreiche wegweisende Werke, die für sie komponiert wurden. Thomas Adès, Unsuk Chin, Sebastian Currier, Aftab Darvishi, Henri Dutilleux, Sofia Gubaidulina, Golfam Khayam (Uraufführung 2027), Witold Lutoslawski, Norbert Moret, Krzysztof Penderecki, André Previn, Max Richter, Wolfgang Rihm, Jörg Widmann und John Williams haben für Anne-Sophie Mutter komponiert. Viele dieser Werke haben sich einen Platz im Repertoire erobert. Doch noch fehlten in ihrer Diskografie eine ganze Reihe von Werken, die für sie entstanden sind. Sie sind nun Gegenstand einer Serie von Alben, die ausschließlich Ersteinspielungen enthalten. Die Musiksprachen verbinden Kontinente, die Besetzungen reichen von der Verinnerlichung des Solos bis zur extrovertierten Klangpracht des großen Orchesters. An den Einspielungen wirken zahlreiche Musikerinnen und Musiker mit, die Anne-Sophie Mutter über ihre Stiftung gefördert hat oder bis heute fördert.
In „Likoo“ für Violine solo verarbeitet die iranisch-niederländische Komponistin Aftab Darvishi Musiktraditionen aus ihrer Heimat. In „Gran Cadenza“ für zwei Violinen setzt sich die chinesische Komponistin Unsuk Chin mit dem Phänomen der Virtuosität auseinander; Anne-Sophie Mutter spielt das Werk gemeinsam mit Nancy Zhou. Jörg Widmanns 6. Streichquartett „Studie über Beethoven“ hat sie mit Ye-Eun Choi, Muriel Razavi und Pablo Ferrández aufgenommen. In zwei bemerkenswerten Klaviertrios nehmen Sebastian Currier („Ghost Trio“) – mit Maximilian Hornung – und André Previn – mit Daniel Müller-Schott – den Dialog mit der Tradition auf. Curriers „Ringtone Variations“ spielt Mutter gemeinsam mit dem Kontrabassisten Roman Patkoló. Bislang noch nicht eingespielt war auch das Violinkonzert Nr. 2 von André Previn, das sich als Kommentar zu Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ lesen lässt.
Auch 2027 wird das Projekt fortgesetzt: Dann wird ein neues Tripelkonzert für Violine, Viola und Violoncello von Golfam Khayam uraufgeführt, an dem neben Anne-Sophie Mutter auch Muriel Razavi sowie der Cellist Kian Soltani beteiligt sind. Es wird außerdem noch eine weitere Uraufführung von Anne-Sophie Mutter gemeinsam mit ihren Virtuosi in 2027 geben.
Und immer begleiten Gespräche zwischen Interpretin und Komponist die Werkentstehung. Bei „Air“ für Violine und Orchester von Thomas Adès war es ein langes Telefongespräch. Daraus entstand die Idee eines gesanglichen Stücks, das einem großen Bogen folgt, getragen von einem weiten Atem. Der Titel „Air“ bezieht sich somit nicht nur auf die gesangliche Schreibweise (das Stück ist quasi eine Arie für Violine). Sondern auch, ganz wörtlich, auf die Luft. Sie ist schon rein physisch Trägerin der Töne. Und sie gibt im Atemholen und der daraus abgeleiteten Phrasierung der Musik auch ihre lebendige Gliederung. Schließlich hängt auch die Form von Adès’ “Air” bildlich gesprochen “in der Luft”: Es handelt sich nämlich um eine Art umgekehrte Passacaglia. Normalerweise beruht diese aus der Barockzeit stammende Form auf einer stets gleichbleibenden Basslinie. Adès verlegt diese alles strukturierende Linie in den Diskant, in die höchsten Höhen der Instrumente. So scheint diese “Air” immer wieder die Schwerkraft zu überwinden.
Musik ist auch ein Spiegel der Zeit, deren Vergehen sich in Tönen sedimentiert: Erinnerungen werden zukunftsfähig. Am 23. August 1976 gab Anne-Sophie Mutter mit 13 Jahren ihr Debüt bei den Luzerner Festwochen. Damals wurde die außergewöhnliche Begabung des Teenagers von weitsichtigen Musikern als Versprechen an die Zukunft erkannt. Darum feiert Anne-Sophie Mutter ihr Bühnenjubiläum mit einer Serie von Ersteinspielungen: Jedes dieser ganz unterschiedlichen Werke formuliert eine Einladung an die Zukunft.
Anne-Sophie Mutter:
50 Jahre auf der Bühne – mit Neugier, Engagement und Schaffensdrang für die Zukunft der Musik
Ihr Jubiläumsjahr feiert die Ausnahmekünstlerin mit einer eigenen Aufnahmereihe zeitgenössischer Musik bei Alpha Classics, einer großen Retrospektive bei der Deutschen Grammophon, Auftragswerken, Benefizkonzerten und Konzerten an historischen Orten ihrer Karriere.
Fünf Jahrzehnte auf den großen Bühnen der Welt – und keine Spur von Stillstand: 2026 und 2027 feiert Anne-Sophie Mutter ihr außergewöhnliches Bühnenjubiläum mit einem künstlerischen Programm, das auf Zukunft setzt. Seit fast einem halben Jahrhundert ist die vierfache Grammy-Gewinnerin Impulsgeberin des internationalen Musiklebens. So inspirierte sie – eine der bedeutendsten deutschen Künstlerinnen unserer Zeit – etliche Komponist:innen für neue Werke: Krzysztof Penderecki und Sofia Gubaidulina schrieben Werke für sie, aber auch John Williams und Max Richter. Auf diese Weise entstanden bereits 34 Werke sowie speziell für sie komponierte Bearbeitungen. Anne-Sophie Mutter ist Inspiratorin ganzer Generationen von Musiker:innen und unermüdliche Fragestellerin an das klassische Repertoire. Sie ist eine Künstlerin des Aufbruchs: neugierig, wagemutig, offen für das, was Musik heute und morgen sein kann.
Anne-Sophie Mutter startet neue Aufnahmereihe „ASM Forte Forward“ bei Alpha Classics.
Die neue Serie „ASM Forte Forward“ widmet sich ausschließlich zeitgenössischen Kompositionen. Jedes Album enthält Werke, die eigens für Anne-Sophie Mutter geschrieben wurden. Das erste Album „East Meets West“ erscheint am 27. März 2026.
2026 und 2027 feiert Anne-Sophie Mutter ein außergewöhnliches Jubiläum: 50 Jahre auf den bedeutendsten Bühnen der Welt. Dieses besondere Ereignis nutzt sie, um neue Wege zu beschreiten – als Solistin, Kammermusikerin, Mentorin, Auftraggeberin Neuer Musik und nun auch als Produzentin. „Ich habe mich bewusst dafür entschieden, Tradition nicht nur zu bewahren, sondern Musik lebendig zu halten, zu erneuern und weiterzugeben“, sagt sie.
Anne-Sophie Mutter inspiriert ganze Generationen, prägt als Vorreiterin die klassische Musik seit Jahrzehnten und bleibt als Künstlerin stets in Bewegung: neugierig, mutig und offen für das, was Musik heute und morgen sein kann. Immer wieder vergibt sie Kompositionsaufträge an herausragende zeitgenössische Komponist:innen und fördert junge Talente.
Mit ASM Forte Forward startet sie nun ihre eigene Aufnahmereihe bei Alpha Classics. Dabei arbeitet sie mit musikalischen Weggefährt:innen zusammen, darunter aktuelle und ehemalige Stipendiat:innen der Anne-Sophie-Mutter-Stiftung.
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