Live aus der Yellow Lounge – 2015 Das Club Album

Das Club Album

Eine »Neue Heimat« für Anne-Sophie Mutter Das Club Album

Im Mai 2015 strapazierte Anne-Sophie Mutter ihre edle Stradivari-Geige mit dem schönen Namen »Lord Dunn-Raven« mehr als üblich. Da stand die Künstlerin nämlich ausnahmsweise nicht in einem der großen, renommierten und wohltemperierten Konzertsäle der Welt auf der Bühne, sondern zwei Abende lang in einem kleinen, graffitiverzierten Club im Berliner Stadtteil Friedrichshain.

Ein Laden namens »Neue Heimat«, in dem sich an zwei Frühsommerabenden junge, hippe Menschen drängten, sodass die Luft im Saal so aufgeheizt war, wie es in solchen Clubs nun mal üblich ist – nur eben nicht bei den Konzerten von Anne- Sophie Mutter, wie die Geigerin später sagte: »Das war nicht gut für das Holz der Stradivari. Ich bin jemand, der eher unsichtbar unterm Kleid vor sich hin dampft. In diesem Club jedoch war es schon extrem heiß und das war auf Dauer eine große Belastung für den Lack. Deshalb haben wir bei der Stradivari so einen ganz feinen Schutzfilmlack aufgebracht, wo sie auf der nackten Haut aufliegt, um eben zu verhindern, dass der Originallack beschädigt wird. Aber natürlich hat ein Instrument, das über 300 Jahre alt ist, leichte Gebrauchspuren.«

Aber was soll eine Stradivari in einem Berliner Club? Undwie konnte sich eine weltberühmte Geigerin an so einen Ort verirren? Was auf den ersten Blick wie ein Irrtum erscheint, ist letztlich nur der konsequente Schritt einer Musikerin, die weiter will und weiß, dass auch ihr Genre, die sogenannte klassische Musik, neue Orte und frische Strategien erkunden muss, um nicht als Kunst von vorgestern zu verstauben. Wohin geht die Klassik, die die Tradition ja schon im Namen trägt, im Zeitalter von Facebook, Twitter und Instagram? In eine plüschige Konzerthalle oder auch mal in einen schnieken Club? »Es fühlte sich an wie in der Höhle des Löwen. Aber ich wollte unbedingt ein Publikum in Kontakt bringen mit der Musik, die ich liebe – an die ich glaube, die so irrsinnig viel Emotion rüberbringt. Ein Publikum, das ich leider in der Philharmonie nicht vorfinde. Und ich dachte mir: Gut, wenn es eine Gruppe von Menschen gibt, die nicht in die Philharmonie kommen will, dann verfolge ich die einfach. Ich ›stalke‹ sie gewissermaßen und gehe jetzt mal in deren Club.«

Die erste Herausforderung bestand darin, ein Repertoire zu finden, das zu so einem Club-Abend passen könnte. Wie anspruchsvoll darf es werden? Wie »easy« sollte es besser nicht sein? Schwierig, keine Frage, und kein Wunder, dass mit der Auswahl des Repertoires früh begonnen wurde: »Ich habe mir sehr, sehr viel Repertoire angesehen. So entstand ein Kaleidoskop der Vielfältigkeit der Musikgeschichte, aber eben auch von der Vielfältigkeit des Instruments Geige.« Sagt Anne-Sophie Mutter, die an beiden Club-Abenden von dem Pianisten Lambert Orkis begleitet wurde und von Mutter’s Virtuosi, jungen Stipendiaten ihrer Stiftung für den besonders begabten Nachwuchs: »Ich wollte unbedingt mit meinen Virtuosi auf die Bühne. Die sind ein integraler Teil meines Lebens mit Mitgliedern aus Österreich, Polen, USA, Südkorea, den Niederlanden, Frankreich, Deutschland, Russland und Spanien und mit Idealen, was man mit Musik in der Gesellschaft bewegen kann. Es geht ja letztendlich darum, dass wir mit der Musik auch zueinanderfinden und dass sie eine Brücke schlägt, nicht nur zwischen Generationen, sondern zwischen kulturellen Unterschieden, die wir aufgebaut haben, zwischen religiösen, teilweise dogmatischen Mauern, die zwischen uns stehen. Wie sagte Heine so schön: ›Unter unseren Kleidern sind wir alle nackt.‹«

So entstand ein Yellow-Lounge-Programm vom Barock bis zur Gegenwart; dass Vivaldi, der Meister der Klangmalerei, mit seinen Vier Jahreszeiten dabei sein musste, war für Mutter gleich klar. Hinzu kamen das Ave Maria von Bach/Gounod, ein Jamaican Rumba, Preludes von Gershwin, Country Fiddling von Aaron Copland und die Titelmusik zu Schindlers Liste. Also eine perfekt vorbereitete Reise von der Vergangenheit in die Gegenwart.

Trotzdem flatterten dem Weltstar, als es losging, die Nerven. »Ich war sehr angespannt, und ich bin ansonsten nie nervös. Das war vielleicht sogar das erste Mal in meinem Leben, dass ich mit Erwartungsdruck zu kämpfen hatte.« Doch als sie dann auf der Bühne stand – umringt von ihren Musikern und einem hellwachen Publikum – und ihre vertraute Stradivari ansetzte, schien sie voll da zu sein und zugleich weit weg, so versunken war sie in ihr Spiel. Die Musik, die sie sonst auf den großen Bühnen der Welt mit einem gewissen Sicherheitsabstand aufführt, erhielt hier allein durch die unmittelbare Nähe zu den Zuhörern eine unglaubliche Intensität. Mit Leidenschaft und Lässigkeit führte Mutter ihre Musiker durch das Programm, plauderte und scherzte mit den Zuhörern auf eine Art und Weise, die an den Orten, an denen klassische Musik sonst zu Hause ist, nur schwer vorstellbar ist. Das alles tat auch der Musik gut und betonte ihre Lebendigkeit und ja, Modernität. Entsprechend euphorisch reagierte das Publikum zur großen Freude der Künstlerin: »Der Applaus war berührend. Die andere Seite der Emotionalität in einem Konzert ist aber auch das Teilen der Stille und das subtile, gespannte, vielleicht auch staunende Zuhören. Und das ist etwas, das ich im Club besonders stark empfunden habe. Und das ist genau das, worauf die Musik setzt und wartet: Dass sie aus der Intimität der Stille, der ganz persönlichen, manchmal auch geflüsterten Aussage heraus zu einer großen Blume, zu einer großen Botschaft werden kann. Die Begeisterungsfähigkeit des Publikum bei diesen beiden intimen Club-Auftritten werde ich immer im Herzen behalten: Dass wir es geschafft haben, wirklich eins zu werden in der Stille und im Teilen dieses sehr intimen Moments.«

Und die Stradivari? Die musste danach zur Wartung: Ins »Spa«, wie ihre Besitzerin das nennt, wo alles an dem edlen Instrument wieder so eingerichtet wird, dass es den Herausforderungen der nächsten Jahrhunderte und neuen aufregenden Orten gewachsen ist.

Christoph Dallach August 2015

The Club Album from Yellow Lounge (Trailer mit Interview)
Bach Concerto
  • The Club Album Live from Yellow Lounge
    The Club Album Live from Yellow Lounge
    Benjamin, Brahms, Copland, Debussy, Gershwin, Saint-Saëns, Tschaikowski, Vivaldi, Williams

    Mahan Esfahani, Lambert Orkis, Anne-Sophie Mutter, Mutter's Virtuosi

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