Diese Musik ist unsterblich

Hommage an Mendelssohn – 2009 Diese Musik ist unsterblich

Zum Mendelssohn-Gedenkjahr 2009 würdigte Anne-Sophie Mutter den Komponisten mit einer sehr persönlichen Hommage, bei der symphonisches Repertoire und Kammermusik auf CD und DVD vereint werden: Die Violinsonate F-Dur von 1838, das ein Jahr später vollendete Klaviertrio d-Moll op. 49 und das Violinkonzert e-Moll von 1845, von dem bis heute eine ungebrochene Faszination ausgeht.

Felix Mendelssohn, der am 3. Februar 1809 als Sohn einer begüterten jüdischen Bankiersfamilie in Hamburg geboren wurde und in Berlin aufwuchs, war ein gleichermaßen brillanter Pianist und Dirigent wie ein leidenschaftlicher Kammermusiker. Nicht selten, etwa im Fall des Klaviertrios op. 49, hob er eigene Werke auch selbst aus der Taufe. Anne-Sophie Mutters Bewunderung für Mendelssohn ist sehr vielfältig, "denn er war ein Mann der vielen Begabungen, der vielen Pflichten und Pflichterfüllungen und der großen Hingabe. Mendelssohns Bedeutung in der Musikgeschichte ist auch daran festzumachen, dass er Bach zu einer Renaissance verhalf. Es war der getaufte Jude, der 80 Jahre nach Bachs Tod die Matthäus-Passion in ganz Europa wieder populär machte. Mendelssohns großer Verdienst war außerdem sein starkes soziales Verantwortungsgefühl. Ihm lag sehr viel daran, dass musikalische Bildung nicht nur ein Luxus der Oberschicht bleibt, weshalb er das Leipziger Konservatorium gegründet hat. Darüber hinaus war er ein großer Literat, er sprach Italienisch, Englisch, Latein und war außerdem ein großartiger Maler, der wunderschöne Aquarelle gemalt hat."

1845 wurde das e-moll-Violinkonzert in Leipzig uraufgeführt mit dem Gewandhausorchester und dessen Konzertmeister Ferdinand David als Solist. Für ihn hatte Mendelssohn das Werk komponiert, wobei David die Gestaltung des Soloparts entscheidend beeinflusste. Anne-Sophie Mutter hatte dieses Konzert schon am Anfang ihrer Laufbahn 1980 mit Herbert von Karajan und den Berliner Philharmonikern aufgenommen. Nun kehrte sie für ihre zweite Einspielung an die Geburtsstätte des Werkes nach Leipzig zurück, wo Ferdinand David über 30 Jahre lang Konzertmeister war. Auch wenn es das originale Leipziger Gewandhaus heute nicht mehr gibt, so ist es doch dasselbe traditionsreiche Gewandhausorchester, dem Mendelssohn von 1835 bis zu seinem Tode 1847 mit Unterbrechungen vorstand. Ein Orchester, das über 26 Jahre von Kurt Masur als Gewandhauskapellmeister in einer Weise geprägt wurde, die Anne-Sophie Mutter sehr schätzt: "Es ist die Transparenz, die Eleganz des Klanges, das Wissen um die innere Balance", denn die Musiker "spielen nicht nur miteinander, sie fühlen miteinander, sie atmen zusammen." Die Zusammenarbeit mit Kurt Masur ist für sie "ein bisschen wie Fliegen", womit sich die Geigen-Virtuosin auf eine Erfahrung bezieht, die sie vor einigen Jahren mit dem Dirigenten und den New York Philharmonic machte: "Wir nahmen das Beethoven-Violinkonzert auf und es ging um eine Passage des Zuhörens und Begleitens im Orchester. Masur sagte: ›Just let her fly!‹, und genau dieses Gefühl habe ich, wenn ich beispielsweise Mendelssohn mit Kurt Masur spiele. Gerade in einem Konzert, das so viel stürmende, vorwärts drängende Leidenschaft in sich trägt."

Dieses "Sturm-und-Drang"-Element bei Mendelssohn ist für Anne-SophieMutter ausgesprochen wichtig, besonders im Violinkonzert: "Es fällt auf, dass die Tempobezeichnung ›appassionato‹ sehr oft in Mendelssohns Schaffen auftaucht, sowohl im ersten Satz des Violinkonzerts als auch im Schlusssatz des Klaviertrios." Von dieser drängenden Vitalität ließ sie sich auch bei ihrer Interpretation des langsamen Satzes leiten. Hierfür erhielt sie von Kurt Masur den entscheidenden Hinweis auf das 1842 entstandene Venetianische Gondellied op. 57 Nr. 5 mit der gleichen Begleitfigur im Klavier wie später im Orchester des Konzerts. "Im Mittelpunkt des Gondolière-Lieds steht der Wunsch, mit der Geliebten zu fliehen, es geht um die brennende Sehnsucht, um dieses jünglingshaft Vorantreibende", womit sich für die Interpretin der hohe Anspruch stellt, "die Reinheit des Ausdrucks mit der Ungeduld Mendelssohnscher Leidenschaft zu paaren." Den Finalsatz des Konzerts empfindet die Geigerin als ausgesprochen "Mendelssohn-typisch", eine Art Elfentanz, den Mendelssohn für sein Oktett op. 20 1825 erfunden und seitdem immer wieder in schnellen Sätzen und Scherzi verwendet hat. "Dieses Dahinhuschende, Entschwebende, Geisterhafte ist enorm virtuos und diese Leichtigkeit eine Herausforderung für den Interpreten." Den Erfolg des Violinkonzerts sieht Anne-Sophie Mutter in der Musik begründet, "die alles vereint, was große Musik ausmacht: Leidenschaft, Virtuosität, Reinheit des Ausdrucks, Tiefe der Empfindung, bedingungslose Hingabe an den musikalischen Ausdruck. Es ist ein Geniestreich, und diese Musik ist unsterblich."

Auch die F-dur-Violinsonate aus dem Jahr 1838 entstand - wie das e-moll-Violinkonzert - für Ferdinand David. Ein anspruchsvolles dreisätziges Werk des reifen Mendelssohn, leidenschaftlich und schwärmerisch-triumphal im Tonfall der Ecksätze, das Adagio als Herzstück ist dagegen ein bezwingender Dialog zwischen Violine und Klavier. Der Entstehungsprozess zeigt allerdings, dass Mendelssohn um viele kompositions- und besonders violintechnische Details gerungen hat. Zwar spielte er die Sonate mit Ferdinand David durch, doch blieben Revisionen im Ansatz stecken und auf den ersten Satz beschränkt - möglicherweise ließen die vielfältigen künstlerischen Verpflichtungen als Solist und Dirigent, der häufig lange strapaziöse Konzertreisen auf sich nahm, Mendelssohn schlichtweg keine Zeit für eine letzte gründliche Überarbeitung der Sonate. Es existiert also keine autorisierte Fassung, das Werk blieb zu Lebzeiten unveröffentlicht. Erst 1953 edierte Yehudi Menuhin eine Version nach dem ersten Entwurf und der Revision des Kopfsatzes, bis heute die einzige Ausgabe, nach der auch Anne-Sophie Mutter spielt: "Es ist sicherlich ein authentisches Werk, doch eben von Mendelssohn nicht vollständig überarbeitet. Viele andere große Werke, beispielsweise die Italienische Symphonie erlitten das gleiche Schicksal. Es wäre ein unermesslicher Verlust, diese Werke nicht aufzuführen."

Das 1839 vollendete Klaviertrio d-moll op. 49 wurde indes zu Lebzeiten Mendelssohns veröffentlicht und hochgeschätzt. Der Komponist selbst spielte bei der Uraufführung in Leipzig am 1. Februar 1840 Klavier, Ferdinand David den Violinpart, Carl Wittmann war der Cellist. Robert Schumann wertete das ernste tiefgründige Werk als "das Meistertrio der Gegenwart", das noch "unsere Enkel und Urenkel erfreuen wird" - ein überschwängliches Urteil, dem sich Anne-Sophie Mutter uneingeschränkt anschließt: "Ich befinde mich sowieso seit einiger Zeit in einer absoluten Mendelssohn-Euphorie. Und das ist im Trio spürbar."

Auf einen bewegten, kunstvoll gearbeiteten Eröffnungssatz Molto allegro e agitato folgen ein liedhaftes Andante, dann ein "atemberaubend virtuoses Scherzo, das elegant und spielerisch daherkommt" (Anne-Sophie Mutter) und mit seinem dahinhuschenden Elfenspuk den Gestus der Sommernachtstraum-Musik aufgreift, schließlich ein rasantes, packendes Rondo-Finale.

Mit einer gelungenen Balance aus Melodie, Harmonie und Transparenz besticht dieses Erste Klaviertrio aus Mendelssohns Feder. Dabei besitzt der Klavierpart deutlich mehr Gewicht als die beiden Streicherstimmen, denen er als selbständiger Klangfaktor gegenübergestellt ist - die kompositorische Arbeit zielt nicht auf eine Integration der drei Instrumente, wie etwa in Beethovens Klaviertrios. Der tragenden Funktion des Klaviers setzt Anne-Sophie Mutter ein Zusammenspiel mit Lynn Harrell entgegen, das von "Spontaneität und Klangfarbenvielfalt" geprägt ist. Überhaupt realisieren sie das diffizile Gleichgewicht des Trios gemeinsam mit André Previn unter der keineswegs selbstverständlichen Prämisse: "Wir vertrauen aufeinander, hören einander zu, spielen aus einem Geist."

Susanne Schmerda

Dezember 2008

Mendelssohn Violinkonzert op. 64
  • Felix Mendelssohn
    Felix Mendelssohn
    Mendelssohn

    Anne-Sophie Mutter, André Previn, Gewandhausorchester Leipzig, Kurt Masur, Lynn Harrell

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